Habe ich eine Pornosucht?

09.09.2026

"Ich bin süchtig nach Pornos." - "Meine Frau sagt, ich bin pornosüchtig." Solche Sätze höre ich in meiner Praxis inzwischen richtig oft.

Zeit, mal genauer hinzuschauen, was da wirklich dran ist.


Erstmal: Warum schauen eigentlich so viele Menschen Pornos?

Ganz einfach: Es ist bequem, erschwinglich und anonym möglich, wie nie zuvor. Viele Menschen schätzen Pornografie als Bereicherung ihrer Sexualität – und das ist total in Ordnung.

Aber das hier gibt es auch:

Menschen, öfter Männer als Frauen, die pornografische Inhalte sehr häufig konsumieren. Die stundenlang mit Pornos masturbieren, obwohl sie eigentlich gar keine Lust mehr haben. Und die danach mit Scham- und Schuldgefühlen kämpfen.

Menschen, die nicht verstehen, warum sie diesen unwiderstehlichen Drang nach Pornos, Webcaming oder Telefonsex verspüren – egal, wie fest sie sich vorgenommen haben, damit aufzuhören.

Wenn sich das für einen richtig anfühlt, darf man sich in so einer Situation selbst natürlich auch als "pornosüchtig" bezeichnen.

Ist es aber wirklich eine Sucht?

Nun ja – nicht ganz. Es fehlt tatsächlich der wissenschaftliche Konsens darüber, ob es sich wirklich um eine eigenständige psychische Erkrankung handelt. Die Studienlage ist alles andere als robust. Aktuell wird ein solches Verhalten eher als "Pornonutzungsstörung" bezeichnet.

Meine Haltung dazu:

Pornokonsum kann Ausdruck einer gesunden Sexualität sein.

Manchen Menschen helfen bestimmte Begriffe und Diagnosen, ihr Erleben besser einzuordnen. 

Andere fühlen sich dadurch eher pathologisiert und beschämt.

In meiner Praxis arbeite ich darum einfach mit Menschen, die unter ihrer Pornonutzung leiden und sich aus eigenem Antrieb davon unabhängig machen wollen.

Übrigens auch mit Partnerpersonen: Eine Studie von Stephanie Ortiz aus dem Jahr 2023 zeigt eindrücklich, dass diese oft intensiv mitleiden – ohne dass ihre eigene Trauer und Wut dabei berücksichtigt oder unterstützt wird.


Wie geht es dir mit dem Thema? 

Erkennst du dich oder deine Partnerperson in einem der beiden Pole wieder?

Über die Autorin

Amelie Boehm ist Psychologin und Sexologin mit einer Praxis für Sexualberatung in Basel (sie bietet Sitzungen auch online).

Sie ist eine Expertin für alle Fragen Rund um Sexualität, teilt auf Social Media Tipps zu Sex & Co. und ist eine gefragte Interviewpartnerin. Außerdem schreibt sie unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und die Welt.

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Quellen:

  • Alarcón et al. (2019): Online Porn Addiction: What We Know and What We Don't—A Systematic Review, MDPI
  • Ortiz (2023): Women Partners, Feeling Rules, and the Gendered Consequences of Porn Addiction, Sexuality & Culture
  • WHO ICD-11, Klassifikation "Zwanghaftes Sexualverhalten"
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